| Interview Maria von Blumencron |
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Ein paar ihrer Auszeichnungen: Deutscher Kinderhörspielpreis 2000, The New York Festivals 2001- Silver World Metal für Dokumentarfilm, UNDA/ WACC Europäisches Festival für religiöse Programme in Helsinki 2001 - Beste Dokumentation, Axel Springer Preis für beste junge Journalistin 2001 "Ich wende mich an Menschen mit offenen Herzen.." "Meine Motivation ist etwas in Bewegung zu setzen. Dass es Menschen hinterher besser geht, ganz naiv gesprochen." "Ich wende mich an Menschen mit offenen Herzen. Ich möchte Menschen nahe kommen mit meinen Geschichten." Sie beschäftigen sich seit Ende der 90er mit dem Schicksal tibetischer Flüchtlinge. Warum? Der Sinn und Zweck meiner Arbeit ist etwas in Bewegung zu bringen. Ich habe die Fotos von zwei erfrorenen Kindern im Himalaya gesehen, weil Sie ihre Flucht nicht geschafft haben. Dann habe ich gewusst, ich muss in den Himalaya reisen um nachzusehen, was da nicht stimmt, dass Mütter ihre Kinder wegschicken. Wie haben Sie die Gefangenschaft erlebt? Für mich war es nervenaufreibend verhört zu werden im Gefängnis, ohne Schlaf. Aber gemessen an dem, was derzeit junge Menschen in Gefängnissen in Tibet durchmachen müssen, ist es nicht der Rede wert. Kelsang ist auch schlimm gefoltert geworden. Nach der Entlassung musste er sich eineinhalb Jahre lang von den Folgen erholen. Er hat bleibende Schäden erlitten. In vielen Teilen der Welt spielen sich Flüchtlingsdramen ab. Warum ausgerechnet Tibet? 1998 hat mein Interesse für die Bergsteigen begonnen. Ich wollte einmal um den heiligen Berg Kailash gehen. Dann habe ich von den Müttern erfahren, die ihre Kinder weggeben. Und ich musste herausfinden, was da nicht passt in diesem Land. Nur einmal im Leben wird man wirklich so erfasst von einer Idee, die man dann durchzieht. Wahrscheinlich hat mich das alles so persönlich getroffen, weil ich selbst meine Mutter mit zweieinhalb Jahren das letzte Mal gesehen habe. Das war ein Riss in meinem Leben. Von der nepalesischen Seite aus sind Sie Flüchtlinsgruppen am Himalaya entgegengegangen und haben auch eine entdeckt. Was haben Sie da empfunden? Ich habe lange recherchiert bis ich Kontakt zu Fluchthelfern herstellen konnte und bis ich die Wege der Flüchtlinge herausgefunden habe. Als ich dann die geflüchteten Kinder gesehen habe, war ich einerseits sehr erleichtert, dass sie es geschafft haben. Vorbei an den chinesischen Grenzpatrouille. Andererseits war ich sehr betroffen, weil ich wusste, diese Kinder haben ihre Eltern zurücklassen müssen. Sie Kinder waren seelisch sehr aufgerieben, erschöpft und verwirrt. Aber sie waren verhältnismäßig in einem guten Zustand. (Anm.: Die Flucht dieser sechs Flüchtlingskinder, sind Inhalt des ersten Buches von Maria Blumencron "Flucht über den Himalaya"). Im März 2007 habe ich fünf Jugendliche getroffen. Sie hatten einen erst 19 Jährigen Fluchthelfer. Die Kinder hatten Erfrierungen an Händen und Füßen und waren unterkühlt. Ich hatte das Glück, dass mich ein guter Freund begleitet hat. Er ist Bergsteiger und Rettungsassistent. Er hat die Kinder versorgt, es musste schlussendlich nichts amputiert werden. Die reine Vorstellungskraft lässt es uns erahnen, aber wie gefährlich ist die Flucht über einen 6.000 Meter hohen Bergpass wirklich? Auf der tibetischen Seit ist die Gefahr sehr groß erwischt zu werden von chinesischen Grenzpatrouillen. 2006 ist eine tibetische Nonne einfach von hinten erschossen worden. Auf der nepalesischen Seite beginnt dann bergsteigerisch der absolute Wahnsinn. Ein Niemandsland, keine Infrastruktur, keine Wege, nur rauf und runter. Massen von Flüchtlingen sterben nicht, das wäre übertrieben aber es kommt immer wieder vor. Dafür erleiden viele Flüchtlinge schwere Erfrierungen, die bis hin zur Amputation führen. Bei der Flucht im Winter besteht die Gefahr eines Wetterumschwungs. Im Frühling, wenn es warm wird schmilzt der Schnee, wenn dann kalter Wind kommt, frieren die Schuhe im Schnee an. Dann geschehen die schlimmsten Erfrierungen. 1997 musste der Bergführer Kelsang Jigme das Kind seines besten Freundes zurück lassen. Er hatte sich verschätzt. Ein Weg, der normalerweise einen Tag dauert, dauerte plötzlich sieben Tage. Das Gepäck hatte die Gruppe schon am Grenzpass zurückgelassen. Plötzlich hat es nur noch geschneit, geschneit, geschneit.. Das Kind seines besten Freunde ist erfroren. "Man muss die Arbeit lieben, weil sie viel kostet und wenig bringt" (Kelsang Jigme) Was empfinden Sie, wenn Sie die aktuelle Lage in Tibet betrachten. Besonders nach den Aufständen Mitte März 2008? Als ich davon gehört habe, war ich erstmal krank und erschüttert. Weil ich wusste, was mit den Verhafteten in den Gefängnissen passiert. Auf der anderen Seite war ich erleichtert, dass die Weltöffentlichkeit endlich Notiz nimmt. Also ich habe gemischte Gefühle. Steine fliegen auf Polizisten, Polizeistationen werden in Brand gesteckt. Viele Leute sind entsetzt darüber, aber mein innerstes Gefühl sagt mir, ich kann das so verstehen. Die Situation ist auch ganz schlimm für meine sechs Patenkinder. Drei von ihnen hatten regelmäßigen Kontakt mit ihren Müttern. Der Kontakt ist aber abgebrochen. Man kann nicht mehr nach Tibet telefonieren. Die Kinder sind in einem ganz rappligen Zustand. Meine älteste Patentochter, sie ist 19, wollte schon alles hinschmeißen, weil sie den Sinn nicht mehr gesehen hat in ihrer Schulausbildung. Weil sie nicht weiß, werde ich jemals überhaupt wieder nach Tibet zurückkehren können, werde ich meine Mutter überhaupt jemals wieder sehen. Wir alle wissen nicht, wo das hinführen wird. Die sechs Flüchtlingskinder, die Sie im Jahr 2000 auf dem Berg getroffen haben (Anm.: damals zwischen 6 und 11 Jahre alt), haben Sie als Patenkinder genommen. Wie stehen Sie mit ihnen in Kontakt? Das war mein erster Film und ich konnte damals nicht einfach wieder abhauen und sagen "Tschüss" und das hinter mir lassen. Wir haben sehr engen Kontakt. Ich bin ein bis zweimal pro Jahr in Dharamsala und besuche die Kinder. Ich versuche auch ihre weitere Entwicklung zu dokumentieren. Ich habe die Möglichkeit sie aufwachsen zu sehen, etwas das ihre Eltern nicht kennen. Ich sehe das als Privileg. Ich habe Fotos gesammelt und ich habe mir vorgenommen, irgendwann ihren Eltern die Fotos in die Hand zu geben. Damit die ihre Kinder wenigstens auf den Fotos aufwachsen sehen können. Die Kinder lernen mittlerweile Deutsch. Wir wissen aber nicht was ist, wenn ihre Ausbildung abgeschlossen ist. Sie würden gerne nach Deutschland kommen. Aber wir müssen schauen, was dann das Beste für sie ist. Die Kinder wachsen sehr gut auf in den TCV's, aber man muss weiter denken. Was passiert mit Ihnen, wenn die Ausbildung abgeschlossen ist? Wie geht es dann mit ihrem Leben weiter? Das macht mir gerade große Sorgen.. Ein freies Tibet, Traum oder irgendwann Realität? In der nahen Zukunft wird es kein freies Tibet geben und das ist auch nicht das, was der Dalai Lama sich wünscht. Man muss erkennen, dass der Dalai Lama mit seinem Wunsch nach Autonomie einen sehr großen Schritt auf die chinesische Regierung zugegangen ist. Ich glaube aber, dass die Forderung nach kultureller und religiöser Autonomie zu klein gefasst ist. Die Tibeter brauchen auch wirtschaftliche Autonomie. Es gibt mittlerweile mehr Chinesen im Land als Tibeter. Wie soll man da noch seine Identität bewahren? Wenn Sie in Wunschdenken verfallen. Was wäre Ihrer Wunsch für die Zukunft? Ich wünsche mir so sehr für diese sechs Kinder, dass Sie irgendwann mal wieder ihre Mutter sehen. Ich konnte das nicht, ihnen wünsche ich das. Dass sie ihre Eltern wiedersehen können. Dass China erkennt, was für einen großen Wert sie haben, dass Tibeter nicht ihre Feinde sind. Tibeter sind keine Freaks, die nur noch für Tourismus- Shows in Tibet zuständig sind. Interview Timm Bodner (März 2008) Buch- Kurzzusammenfassung "Auf Wiedersehen, Tibet"
Begonnen hat alles mit dem Foto eines erfrorenen Mädchens... "Ich wünsche mir, dass das Buch viele Menschen lesen, weil es direkt ins Herz geht und das ist kein trockenes Sachbuch. Es ist geschrieben wie ein Roman und liest sich sehr leicht innerhalb einer Nacht." (Maria Blumencron) |