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Interview Maria von Blumencron PDF Drucken E-Mail

Blumencron
Maria von Blumencron, geboren in Wien, hat schon im Jugendalter Reisen nach Indien und Nepal unternommen. Nach Absolvieren der Schauspielschule am Konservatorium der Stadt Wien folgten zahlreiche Engagements an österreichischen und deutschen Bühnen, sowie im TV.
Seit Abschluss der Drehbuchwerkstatt München (HFF München) arbeitet Sie als freie Hörfunk-, Fernseh- und Romanautorin.

Ein paar ihrer Auszeichnungen: Deutscher Kinderhörspielpreis 2000, The New York Festivals 2001- Silver World Metal für Dokumentarfilm, UNDA/ WACC Europäisches Festival für religiöse Programme in Helsinki 2001 - Beste Dokumentation, Axel Springer Preis für beste junge Journalistin 2001


 "Ich wende mich an Menschen mit offenen Herzen.."

"Meine Motivation ist etwas in Bewegung zu setzen. Dass es Menschen hinterher besser geht, ganz naiv gesprochen."

"Ich wende mich an Menschen mit offenen Herzen. Ich möchte Menschen nahe kommen mit meinen Geschichten."
(Maria Bluemcron)

Sie beschäftigen sich seit Ende der 90er mit dem Schicksal tibetischer Flüchtlinge. Warum?

Der Sinn und Zweck meiner Arbeit ist etwas in Bewegung zu bringen. Ich habe die Fotos von zwei erfrorenen Kindern im Himalaya gesehen, weil Sie ihre Flucht nicht geschafft haben. Dann habe ich gewusst, ich muss in den Himalaya reisen um nachzusehen, was da nicht stimmt, dass Mütter ihre Kinder wegschicken.
Im Jahr 1999 bin ich mit dem Fluchthelfer Kelsang Jigme in Tibet verhaftet worden. Ich wurde 2 Nächte und einen Tag verhört, Kelsang war zwei Jahre und vier Monate in Folterhaft. Er ist auch die Hauptfigur in meinem Buch (Anm.: "Auf Wiedersehen, Tibet"). Ich wollte eine Wiedergutmachung an ihm. Ich habe mich verantwortlich gefühlt dafür, dass er in Gefangenschaft geraten ist.

Wie haben Sie die Gefangenschaft erlebt?

Für mich war es nervenaufreibend verhört zu werden im Gefängnis, ohne Schlaf. Aber gemessen an dem, was derzeit junge Menschen in Gefängnissen in Tibet durchmachen müssen, ist es nicht der Rede wert. Kelsang ist auch schlimm gefoltert geworden. Nach der Entlassung musste er sich eineinhalb Jahre lang von den Folgen erholen. Er hat bleibende Schäden erlitten.

In vielen Teilen der Welt spielen sich Flüchtlingsdramen ab. Warum ausgerechnet Tibet?

1998 hat mein Interesse für die Bergsteigen begonnen. Ich wollte einmal um den heiligen Berg Kailash gehen. Dann habe ich von den Müttern erfahren, die ihre Kinder weggeben. Und ich musste herausfinden, was da nicht passt in diesem Land. Nur einmal im Leben wird man wirklich so erfasst von einer Idee, die man dann durchzieht. Wahrscheinlich hat mich das alles so persönlich getroffen, weil ich selbst meine Mutter mit zweieinhalb Jahren das letzte Mal gesehen habe. Das war ein Riss in meinem Leben.

Von der nepalesischen Seite aus sind Sie Flüchtlinsgruppen am Himalaya entgegengegangen und haben auch eine entdeckt. Was haben Sie da empfunden?

Ich habe lange recherchiert bis ich Kontakt zu Fluchthelfern herstellen konnte und bis ich die Wege der Flüchtlinge herausgefunden habe. Als ich dann die geflüchteten Kinder gesehen habe, war ich einerseits sehr erleichtert, dass sie es geschafft haben. Vorbei an den chinesischen Grenzpatrouille. Andererseits war ich sehr betroffen, weil ich wusste, diese Kinder haben ihre Eltern zurücklassen müssen. Sie Kinder waren seelisch sehr aufgerieben, erschöpft und verwirrt. Aber sie waren verhältnismäßig in einem guten Zustand. (Anm.: Die Flucht dieser sechs Flüchtlingskinder, sind Inhalt des ersten Buches von Maria Blumencron "Flucht über den Himalaya").

Im März 2007 habe ich fünf Jugendliche getroffen. Sie hatten einen erst 19 Jährigen Fluchthelfer. Die Kinder hatten Erfrierungen an Händen und Füßen und waren unterkühlt. Ich hatte das Glück, dass mich ein guter Freund begleitet hat. Er ist Bergsteiger und Rettungsassistent. Er hat die Kinder versorgt, es musste schlussendlich nichts amputiert werden.

Die reine Vorstellungskraft lässt es uns erahnen, aber wie gefährlich ist die Flucht über einen 6.000 Meter hohen Bergpass wirklich?

Auf der tibetischen Seit ist die Gefahr sehr groß erwischt zu werden von chinesischen Grenzpatrouillen. 2006 ist eine tibetische Nonne einfach von hinten erschossen worden. Auf der nepalesischen Seite beginnt dann bergsteigerisch der absolute Wahnsinn. Ein Niemandsland, keine Infrastruktur, keine Wege, nur rauf und runter. Massen von Flüchtlingen sterben nicht, das wäre übertrieben aber es kommt immer wieder vor. Dafür erleiden viele Flüchtlinge schwere Erfrierungen, die bis hin zur Amputation führen. Bei der Flucht im Winter besteht die Gefahr eines Wetterumschwungs. Im Frühling, wenn es warm wird schmilzt der Schnee, wenn dann kalter Wind kommt, frieren die Schuhe im Schnee an. Dann geschehen die schlimmsten Erfrierungen.

1997 musste der Bergführer Kelsang Jigme das Kind seines besten Freundes zurück lassen. Er hatte sich verschätzt. Ein Weg, der normalerweise einen Tag dauert, dauerte plötzlich sieben Tage. Das Gepäck hatte die Gruppe schon am Grenzpass zurückgelassen. Plötzlich hat es nur noch geschneit, geschneit, geschneit.. Das Kind seines besten Freunde ist erfroren.
Ich werde oft gefragt, was sind diese Guides, Schlepper? Meine Antwort: Es sind keine Schlepper. Natürlich tun sie es auch des Geldes wegen, weil Sie ihre Familien ernähren müssen.
Das sind keine Schlepper, natürlich tun sie es für Geld, aber diese Menschen sind mit dem Herzen bei ihrer "Arbeit" dabei.

"Man muss die Arbeit lieben, weil sie viel kostet und wenig bringt" (Kelsang Jigme)

Was empfinden Sie, wenn Sie die aktuelle Lage in Tibet betrachten. Besonders nach den Aufständen Mitte März 2008?

Als ich davon gehört habe, war ich erstmal krank und erschüttert. Weil ich wusste, was mit den Verhafteten in den Gefängnissen passiert. Auf der anderen Seite war ich erleichtert, dass die Weltöffentlichkeit endlich Notiz nimmt. Also ich habe gemischte Gefühle.

Steine fliegen auf Polizisten, Polizeistationen werden in Brand gesteckt. Viele Leute sind entsetzt darüber, aber mein innerstes Gefühl sagt mir, ich kann das so verstehen.
Ich kann verstehen, dass ein Kochtopf, der seit einem halben Jahrhundert unter Druck gehalten wird, einmal explodieren muss. Ich kann die Gefühle der Jugendlichen verstehen. Ich habe viel Respekt und Bewunderung, das Menschen ihre Freiheit, ihr Leben, ihre Gesundheit und ihre Zukunft riskieren. Damit der Welt gezeigt wir, wir waren einmal ein freies, unabhängiges Land. Wir haben ein Recht auf echte Autonomie, auf ein Leben in unserer Kultur und unserer Religion und davor ziehe ich den Hut.

Die Situation ist auch ganz schlimm für meine sechs Patenkinder. Drei von ihnen hatten regelmäßigen Kontakt mit ihren Müttern. Der Kontakt ist aber abgebrochen. Man kann nicht mehr nach Tibet telefonieren. Die Kinder sind in einem ganz rappligen Zustand. Meine älteste Patentochter, sie ist 19, wollte schon alles hinschmeißen, weil sie den Sinn nicht mehr gesehen hat in ihrer Schulausbildung. Weil sie nicht weiß, werde ich jemals überhaupt wieder nach Tibet zurückkehren können, werde ich meine Mutter überhaupt jemals wieder sehen. Wir alle wissen nicht, wo das hinführen wird.

Die sechs Flüchtlingskinder, die Sie im Jahr 2000 auf dem Berg getroffen haben (Anm.: damals zwischen 6 und 11 Jahre alt), haben Sie als Patenkinder genommen. Wie stehen Sie mit ihnen in Kontakt?

Das war mein erster Film und ich konnte damals nicht einfach wieder abhauen und sagen "Tschüss" und das hinter mir lassen. Wir haben sehr engen Kontakt. Ich bin ein bis zweimal pro Jahr in Dharamsala und besuche die Kinder. Ich versuche auch ihre weitere Entwicklung zu dokumentieren. Ich habe die Möglichkeit sie aufwachsen zu sehen, etwas das ihre Eltern nicht kennen. Ich sehe das als Privileg. Ich habe Fotos gesammelt und ich habe mir vorgenommen, irgendwann ihren Eltern die Fotos in die Hand zu geben. Damit die ihre Kinder wenigstens auf den Fotos aufwachsen sehen können.

Die Kinder lernen mittlerweile Deutsch. Wir wissen aber nicht was ist, wenn ihre Ausbildung abgeschlossen ist. Sie würden gerne nach Deutschland kommen. Aber wir müssen schauen, was dann das Beste für sie ist.
Nur eine einzige Mutter von diesen sechs Kinder hat es nach sieben Jahren geschafft ins Exil zu kommen, um ihren Sohn zu besuchen. Es war sehr bewegend für mich. Die Mutter hat ihr eigenes Kind nicht mehr erkannt. Sie hat damals einen Achtjährigen weggeschickt, der ihr bis zur Brust reichte, und dann ist sie einem 15 Jährigen gegenüber gestanden, der um zwei Köpfe größer war und eine ganz tiefe Stimme hatte. Das war so eine Tragödie, die Mutter hat sich so schlecht gefühlt. Sie hat mir immer wieder erklärt, warum sie ihren Sohn wegschicken musste. Sie konnte ihn nicht ernähren und nicht zur Schule schicken.
Am letzten Tag hat sie zu mir gesagt, "ich gehe zurück nach Tibet, nimm du ihn".

Die Kinder wachsen sehr gut auf in den TCV's, aber man muss weiter denken. Was passiert mit Ihnen, wenn die Ausbildung abgeschlossen ist? Wie geht es dann mit ihrem Leben weiter? Das macht mir gerade große Sorgen..

Ein freies Tibet, Traum oder irgendwann Realität?

In der nahen Zukunft wird es kein freies Tibet geben und das ist auch nicht das, was der Dalai Lama sich wünscht. Man muss erkennen, dass der Dalai Lama mit seinem Wunsch nach Autonomie einen sehr großen Schritt auf die chinesische Regierung zugegangen ist. Ich glaube aber, dass die Forderung nach kultureller und religiöser Autonomie zu klein gefasst ist. Die Tibeter brauchen auch wirtschaftliche Autonomie. Es gibt mittlerweile mehr Chinesen im Land als Tibeter. Wie soll man da noch seine Identität bewahren?
Aber ich glaube Autonomie ist möglich. Wenn man die Regionen Kham und Amdo dazurechnet, dann ist Tibet so groß wie Westeuropa. Da muss es doch möglich sein, den Tibetern einen eigenen Raum zu geben.

Wenn Sie in Wunschdenken verfallen. Was wäre Ihrer Wunsch für die Zukunft?

Ich wünsche mir so sehr für diese sechs Kinder, dass Sie irgendwann mal wieder ihre Mutter sehen. Ich konnte das nicht, ihnen wünsche ich das. Dass sie ihre Eltern wiedersehen können. Dass China erkennt, was für einen großen Wert sie haben, dass Tibeter nicht ihre Feinde sind. Tibeter sind keine Freaks, die nur noch für Tourismus- Shows in Tibet zuständig sind.
Dass sie erkennen, dass der Dalai Lama kein Staatsfeind ist. Mehrere Kulturen sind nur eine Bereicherung für ein Land. Mit Tibetern kann man kooperieren, Tibeter sind ernst zunehmende Menschen, mit denen man zusammenleben kann. Ich wünsche mir echte Autonomie.
Und ich wünsche mir, dass Familien, die jetzt durch das höchste Gebirge der Welt voneinander getrennt sind, wie einst in Deutschland durch die Mauer, wieder zusammenkommen können.

Interview Timm Bodner (März 2008)


 Buch- Kurzzusammenfassung "Auf Wiedersehen, Tibet"

Auf_Wiedersehen_Tibet

Begonnen hat alles mit dem Foto eines erfrorenen Mädchens...
Maria Blumencrons zehn Jahre umfassende Geschichte kreist um einen fast 6000 Meter hohen Grenzpass zwischen Tibet und Nepal, der für Tausende von tibetischen Flüchtlingen die Pforte zur Freiheit, für manche aber auch die Schwelle zum Tod wurde. Da ist der Guide Kelsang Jigme, eine Legende unter den Fluchthelfern des Himalaya. Und da sind sechs Kinder, die von ihren Eltern ins Exil geschickt wurden. Ihr anrührendes, dramatisches Schicksal verbindet sich ebenso mit dem Pass wie das von fünf Jugendlichen, die ihr Leben für eine bessere Zukunft riskieren. Und schließlich muss auch die Autorin selbst die Position der Beobachterin gegen die der Beteiligten eintauschen. Aus all diesen Geschichten entsteht ein differenziertes Bild der Fluchtsituation im Himalaya. Beim Maria Blumencron wird es zum Gleichnis um Unterdrückung und Verrat, aber auch um Liebe, die bereit ist, alle Grenzen zu überwinden.

"Ich wünsche mir, dass das Buch viele Menschen lesen, weil es direkt ins Herz geht und das ist kein trockenes Sachbuch. Es ist geschrieben wie ein Roman und liest sich sehr leicht innerhalb einer Nacht." (Maria Blumencron)

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